11 Freunde

heute saß der ABTEILUNGSBOSS mit seinen UNTERABTEILUNGSBOSSEN zusammen.
ich hockte mit
auf der ersatzbank,
weil
der unterabteilungsboss noch im urlaub
und sein vertreter,
der bereichsboss,
ein eigenes meeting mit seinen vertretern von der tochter in belgien hatte.
so kam ich zu der ehre.
ad hoc.

das heißt:
BEREICHSBOSS steckte um zwei minuten vor elf uhr
seinen kopf durch die tür in mein büro:
„gut, dass sie da sind.“
mit dem berühmten zwei-sekunden-blick musterte er mich von oben bis unten,
„sie sind einfach immer anständig angezogen. gut. gehen sie mal schnell in den besprechungsraum ürg."
„wieso ich“, antwortete ich erstaunt?
„ist sonst keiner da. und ich habe gleich vertretermeeting belgien. nun gehen sie schon“, sprach`s und zog den kopf zurück aus der tür.
keine vierzig sekunden dauerte das.

mir passte das gar nicht!
a) weil ich um zwölf uhr mit s. zum italiener wollte,
b) zum ausklang der woche prosecco schlürfen.
c) weil ich wieder null info hatte, was ich dort erzählen könne, dürfe, müsse.
d) weil mir der magen ohnehin in den kniekehlen hing.

„23 49“ tippte ich auf der telefontastatur.
„m……..“, flötete die sekreteuse mir ins ohr.
„frau m. ich vertrete heute herrn f. in der abteilungsrunde. er hat vertretermeeting. ich komme in fünf minuten rüber.“
„is gut, aber nich später, ABTBOSS hat schon angefangen“
„o.k. – ich eile, ich fliege.“

so,
dann holte ich erst mal das frischkäsebrötchen aus der tasche,
ich setz mich doch nicht mit knurrendem magen
in die altherrenrunde
und
ernte dumme sprüche.
wenn
ich schon auf meinen italiener
zu verzichten habe.

während ich in der rechten hand das mohnbrötchen halte,
und immer wieder hinein- und daran abbeiße und kaue,
schreibe ich mit links eine email an s.:
„sorry, proseco heut nich, muss ins abtmeet, nice wend!?“
ich warte die antwort nicht ab,
sondern
schlupfe mit schwung,
in mein strenesse jäckchen,
werfe noch
einen blick in den spiegel,
drehe das lange haar
zweimal ums handgelenk
und stecke es am hinterkopf
mit kämmen und klammern hoch,
zupfe
ein paar häarchen
aus dem gesicht,
spraye sie nach hinten,
ziehe
die lippen
mit „rouge princess“ nach,
streife
mein etuikleid glatt,
stöckle zum aufzug.

drücke den „aufzug-fahr-nach-oben“-knopf,
steige ein,
fahre
in die siebte etage,
wo ABTEILUNGSBOSS residiert.

„die sitzen heute nicht in seinem büro, sondern gleich nebenan, weil da die klimaanlage besser kühlt“, weist mich frau m. an.
„immerhin, dann müffelt es nicht so“, denke ich mir,
klopfe kurz an und trete ein.

ABTBOSS sitzt mit seiner MANN-schaft um den großen runden designertisch,
elf augenpaare wenden sich mir zu,
musternd, taxierend, zwinkernd, blinzelnd, lachend,
schauen
nicht immer dahin,
wo augen eigentlich hinschauen sollten

obwohl der ausschnitt meines etuikleids
gerade mal zwei finger breit
züchtig
unter dem schlüsselbein
endet.

„ich erzähle gerade von der neuen verkaufsstrategie, sie wissen schon, von gestern abend, vom großen meeting beim OBERBOSS“, meint ABTEILUNGSBOSS zu mir
und weist mit einladender geste
auf den freien stuhl neben ihm,
links NEBEN IHM.

ich nehme platz
und
höre die folgenden dreißig minuten:
„ah..wögll
lööögll.
Ooh…
grööglll…
soooo….
kummmss…
munnns…
tunnns“

ABTBOSS im monolog
während elf augenpaare
an seinen lippen hängen
interessiert nicken
lächeln
die stirn in runzeln legen
angestrengt schauen
den blick zur decke lenken
mit dem kopf hin- und her wippen
die lippen spitz vorstülpen
ja, auch MÄNNER können das,
die zähne blecken
hörbar den speichel hochziehen,
so wie Yogi Löw immer während der fußball-wm,
wenn er im studio sofort nach dem spiel rede und antwort stand
und kein wasser
zum runterspülen des speichels
bereit stand
offensichtlich eine alte MÄNNER angewohnheit
wobei „uns“ Yogi noch nicht sooooo alt ist.

jedenfalls
keiner der 11 freunde widersprach
muckte auf
konterte
stellte in frage
oder
in abrede

alles schwieg.
und
schaute
gescheit.

dreißig minuten lang.

in denen ich darüber nachdenke,
was ich nun eigentlich erzählen soll.

ob ich
überhaupt
irgendetwas erzählen will!?

weil
das was ABTBOSS berichtet

eigentlich

ist dafür
unsere unterabteilung
zuständig.

eigentlich.

im prinzip!

hätte ICH ihm widersprechen müssen,
weil er manches
falsch wiedergibt!?!
zumindest nicht so ganz richtig.
„was soll´s“, denke ich mir, „knapp ehrlich könnte man es durchgehen lassen!“

trotz kühlung auf achtzehn Grad
ist mir der kopf schwer
vom angestrengt gucken,
lächeln,
schlaues gesicht
machen.

„was er wohl nachfragen wird?“ überlege ich mir
in die monologisierenden Worte hinein:
„Ooh…
grööglll…
soooo….
kummmss…
munnns…
tunnns“

ich könnte natürlich
ein paar erfolgszahlen vermelden,

dazu wie das neue programm läuft,

über die hohe nachfrage

die vielen kundenanrufe

auch wenn wir
hand-aufs-herz

noch nicht einschätzen können

ob der nachfrage

die entsprechenden schriftlichen Angebote folgen werden…

„ooh…
grööglll…
soooo….
kummmss…
munnns…
tunnns“

„herr Meiser, was gibt’s neues aus ihrer unterabteilung“, riss mich die Stimme
meines Herrn
aus meinen Gedanken.

„uuupsss“, oder hatte ich nicht mitbekommen,
wie ABTBOSS das Wort an mich gewandt?

wie
ER
mich
aufgerufen,
mit der bitte,
seinen bericht
zu ergänzen...

hatte
ich
DAS
überhört?

womöglich
während
ich tagträumte?

elf augenpaare
hefteten
ihren Blick

auf
herrn meiser,
der gleich links
neben mir saß

also
auf dem
übernächsten stuhl
links von ABTBOSS aus
gesehen

herr meiser,
der nun vom auslandsgeschäft in saudiarabien berichtete
und wie schwer
die zusammenarbeit geworden:

„ooh…
grööglll…
soooo….
kummmss…
munnns…
tunnns“


elf augenpaare
folgten
danach

herrn butte,
der wiederum links
von herrn meiser
saß

und
der am abend zuvor beim SONDERBEAUFTRAGTEN BOSS
für den ABTEILUNGSBOSS gewesen,
weil der ja beim OBERBOSS.

er berichtete staccato
in nur halb ausformulierten sätzen
gab die aufträge
eher nur in schlagworten
an die runde weiter:

„ooh...
grööglll...
soooo….
kummmss…
munnns…
tunnns“

so ging es im uhrzeiger sinn rund um den designertisch weiter,
stuhl für stuhl:
„Ooh…
grööglll…
soooo….
kummmss…
munnns…
tunnns“

irgendwann
nach
fünfundfünzig minuten
endete die reihe
wieder
bei ABTBOSS

ich fuhr mir mit der feuchten zunge über die lippen,
sowohl um den lippenstift aufzufrischen
als auch um mich
durch diese übersprungshandlung
in die hab-acht-
und nun
bin-ich-an-der-reihe-
pose
zu bringen

„na, hab ich ihnen zu viel versprochen?“,

ABTBOSS blickte fragend in die runde,
also rhetorisch fragend,
riß sein rechtes handgelenk,
nach oben,
demonstrierte
sieger-pose

„keine eineinhalb stunden heute, meine herren,

ich wünsche ihnen noch einen erfolgreichen tag,
ein schönes wochenende“,
sprachs,

der runde
seiner 11 Freunde
zunickend

und
beinahe
so
als
ob er es
fast
vergessen hätte,
nickte er auch mir
freundlich lächelnd zu

und
verschwand.
1577 mal gelesen
cellini - 15. Aug, 08:09

... d a mußte ich doch sehr grinsen. Eine typische Situation, die einzelnen "Typen" typisch beschrieben geschrieben. Wunderbar.... haben Sie noch mehr davon?

Maluceane - 4. Sep, 23:21

ohja, cellini, ich habe einen ganzen keller voller geschichten...

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