Alte Gespenster

Alter Egon und Mich saßen heute in aller Herrgottsfrüh beieinander. Mich trieb der Mond raus. Alter Egon die "altn Gschichtn", wie er sie nennt. Die Erinnerungen, wie Mich sie nennt: An quietschende Kettengeräusche. An das Dröhnen, das in der Luft lag, wenn sie noch Kilometer entfernt. Selbst heute, an diesem Tag, Jahrzehnte später, spürt er das Fibrieren des Bodens, das er damals, im Klassenzimmer sitzend, hoch droben auf dem Schulberg wahrnahm, wenn sie unten im Tal in die Stadt einrollten: Entweder vom Südwesten herein donnernd. Oder vom Nordosten über den Schulberg herab brummend. Je nach dem. Wohin sie unterwegs waren. Manchmal hielt das Geräusch fast zwei Stunden an. Solange dauerte es, wenn sie vom Berg her kommend durch die Stadt das gesamte Tal durchquerend. Etwa zwanzig Kilometer waren das. Allein die Stadtdurchfahrt dauerte eine halbe Stunde.

Alter Egon: Daran erinnerst Du Dich noch?
Mich: Ja.
Alter Egon: Warst doch noch ein kleines Kind?
Mich: Na und? Spüre das Brummen in der Magengrube…
Alter Egon: In der Magengrube?
Mich: Ja, bis in die Magengrube haben sich die Kettengeräusche übertragen. Sie gingen mir durch und durch. Das Quietschen der Ketten, wenn das schwere Gefährt in den engen Straßen um die Kurven drehte.

Alter Egon: Du warst doch noch viel zu klein.
Mich: Ich erinnere es. Von der ersten bis zur neunten Klasse.
Alter Egon atmet tief durch.
Mich: Bevor sie kamen, gingen stets die Schulsirenen los. Wir wussten alle, jetzt dauert es nicht mehr lange. Also raus aus dem Klassenzimmer, die Treppen runter, in Zweierreihen. Raus aus dem Schulgebäude.
Alter Egon: In Zweierreihen?
Mich: In Zweierreihen. Damals herrschte noch Ordnung. Egal was war, gesittet die Treppen runter… Hand in Hand… die Pimpfe… zu zweit nebeneinander herlaufend die Älteren…

Alter Egon: Unvorstellbar. Heute.
Mich: Im Schulhof sammelten wir uns.
Alter Egon: Dort, wo sie die Kadettenszenen drehten?
Mich: Ja. Die Klassenlehrerin rief uns aus ihrer Namensliste auf. Dass ihr ja keiner fehlte.

Alter Egon: Auf diesem Schulhof begann damals alles… die Ausbildung.
Mich: Ging nicht eine verirrte Bombe bei der Brücke am Fluss hoch?
Alter Egon: Ja…. Die Bombe. Sie war der Auslöser, weshalb man sie einzog.
Mich: Wen?

Alter Egon: Sieben Sechzehnjährige. Sie waren der letzte Jahrgang eines Oberrealgymnasiums, der noch zur Schule ging. Die anderen, die älteren, hatte man schon eingezogen. Nach Schulschluss besichtigten die Jungen die Sensation am Fluss.
Mich: So wie wir. Als sie damals mit ihren Kettenfahrzeugen monatelang auf der Bleiche diesseits und jenseits der Brücke standen.

Alter Egon: Nur der Klassenlehrer, er sieht keinen Sinn darin, dass zum Schluss noch diese Kinder geopfert werden. Er ging daher zum Kompaniechef, und bittet den, etwas für die Jungs zu tun.
Mich: Hat`s geholfen?
Alter Egon: Pfeifendeckel! Die Jungs waren nicht mal trocken hinter den Ohren. Geschweige denn, dass die gewusst hätten, wie `ne Braut zu halten sei. Nichts passierte.
Mich: Bis die Sirenen ertönten… Der Alarm.

Alter Egon: Genau. Immerhin. Der Hauptmann hatte ein Einsehen und entschied sich, die Jungs von der Front fern zu halten. Er setzt sie vor der Stadt, bei jener kleinen Brücke als Sicherungsposten ein. Der Unteroffizier erhält den Befehl, dafür zu sorgen, dass den Jungs nichts zustößt.
Mich: Da waren die Jungs bestimmt enttäuscht?

Alter Egon: Freilich. Aufgewiegelt durch die Propaganda, bitter enttäuscht, dass sie nicht an die vorderste Linie kommen, sitzen sie gelangweilt an der Brücke in ihren Stellungen, während der Unteroffizier sich auf den Weg in die Stadt macht, um die Lage zu sondieren. Bei einer Auseinandersetzung mit Feldgendarmen wird er erschossen. Zwischenzeitlich erfolgt ein Fliegerangriff, bei dem einer der Jungs getötet wird. Dann nähern sich feindliche Kettenfahrzeuge....
Mich: ...und die Jungs sehen ihre Stunde nahen…
Alter Egon: … werfen sich fanatisch dem Feind entgegen und geraten ins Gefecht. Zwei der amerikanischen Panzer erledigen sie mit ihren Panzerfäusten.
Dann… kommt es zur Katastrophe:

1864 mal gelesen
Robert (Gast) - 21. Feb, 16:57

In Gedenken an Verdun?

Teresa HzW - 21. Feb, 18:05

@Robert

Auch… mehr als Mahnmal… gegen das sinnlose Abschlachten… gestern – heute – [und ich fürchte auch] morgen [ immer noch irgendwo auf dieser Welt].
Für die weltweite Ächtung der Rekrutierung von Kindersoldaten!
Germanistikstudent (Gast) - 21. Feb, 17:10

Sie schreiben: "...spürt er das Fibrieren des Bodens, das er damals, im Klassenzimmer sitzend, hoch droben auf dem Schulberg wahrnahm, wenn sie unten im Tal in die Stadt einrollten: Entweder vom Südwesten herein donnernd. Oder vom Nordosten über den Schulberg herab brummend."
Ist es sprachlich nicht umgekehrt? Imaginierend, wenn Panzer durch ein Tal heranrollen, dass sie -durch das Tal herein-"brummen"? Wenn sie sich jedoch vom Berg herab nähern, dass sie "donnern"? Vergleichbar mit den Naturgewalten... "donnert es herab" (z.B. das Gewitter)?

Teresa HzW - 21. Feb, 18:09

@Germanistikstudent

Sie bringen mich ins Grübeln...
Ich werde Mich fragen, ob die Erinnerungen daran eher ein "Brummen" oder ein "Donnern" sind….
Teresa HzW - 21. Feb, 18:45

nochmals @Germanistikstudent

Es sei – wie beschrieben – richtig, meint Mich und weiter: Der Kugelblitz donnere auch durchs Tal heran, wenn er dort in der Nähe des Flusses niederginge und nicht als Gewitter über den Berg herab donnert und grollt.

Eine bessere Antwort weiß ich leider nicht, vielleicht ein-e / andere Leser-innen-Kommentator-in / inn-en?
Margit (Gast) - 21. Feb, 17:29

Arg grausam.
Dass Sie das in Ihr Blog stellen, wundert mich sehr.

Teresa HzW - 21. Feb, 18:26

@Margit

Krieg ist grausam.

Bei dem Youtube-Ausschnitt handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem ersten deutschen Antikriegsfilm "Die Brücke" von Bernhard Wickie. Der Film geht zurück auf die Kriegserlebnisse von Gregor Dorfmeister, der seine schrecklichen Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg in einem gleichlautenden Roman verarbeitete. "Die Brücke" ist die 1:1-Verfilmung seines Buches.
Selbst die Fernsehadaption von Pro7 (aus dem Jahr 2007) erreichte 3,6 Millionen Zuschauer. Dorfmeister stimmte dieser erneuten Verfilmung zu, da es ihm darum ging, "Pazifismus bei jungen Leuten zu verbreiten".
Gleich welchen der beiden Filme jemand präferiert, mir erscheint besonders der von mir ausgewählte Youtube-Ausschnitt, vor allem die ersten zwei Minuten, sehr geeignet, dass ein-e jede-r sich nach der Sinnhaftigkeit von Kriegen fragt, v.a. ob "Deutschland am Hindukusch verteidigt werden muss".

Einen historisch sehr bemerkenswerten Beitrag über Dorfmeister, Wickie und den Film "Die Brücke" kann als etwa 30-minütiger Audio-Podcast (etwa 38 MB) beim SWR unter folgendem Link heruntergeladen werden:

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/archiv/-/id=660334/nid=660334/did=7597076/pv=mplayer/vv=popup/7rfq85/index.html
schneck08 - 21. Feb, 23:31

@grausam etc.

ich sehe da ein wenig auch zb. meinen vater, nicht ganz so jung, nur unwesentlich älter. seine lebenszeit zwischen 19 und 29 verbrachte er hälftig im krieg und in russischer gefangenschaft. er starb angeblich 'letztlich' an den folgen der dortigen mangelernährung mit 46 jahren. er hatte also 17 erwachsene jahre.

das muss man sich mal vorstellen. und schon ist man nicht nur im heute, am sog. hindukusch, sondern im überall.
Teresa HzW - 22. Feb, 12:04

@Schneck08

Wie wahr, lieber Schneck!
Wir Nachgeborenen können das [damalige] Leid nur schwer [nach-er]fassen...

Und weil mir dies [dazu] als [meine]Antwort zu armselig, dürftig, bin ich in mein Textarchiv hinab gestiegen und fand bei Berthold Brecht Folgendes:
"Die ungeheuere Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen durch Menschen, die kriegerischen Schlächtereien und friedlichen Entwürdigungen aller Art über den ganzen Planeten hin haben schon beinahe etwas Natürliches bekommen, die Ausbeutung etwa, die mit Menschen betrieben wird, scheint vielen so natürlich wie die, der wir die Natur unterwerfen. Menschen werden da wie Äcker betrachtet oder wie Rinder."

"und schon ist man nicht nur im heute, am sog. hindukusch, sondern im überall"
Ein starker Satz! Dank Ihnen sehr dafür wie auch für Ihre Erinnerungs-Gedenk-Ergänzung.
Nachdenklich-Herzlich
Ihre
Teresa
Teresa HzW - 22. Feb, 12:28

...noch gefunden...

Neugierig (Gast) - 22. Feb, 10:01

Darf ich Mich fragen:
Wann "sie mit ihren Kettenfahrzeugen monatelang auf der Bleiche diesseits und jenseits der Brücke standen"? Wer ist "sie"?

Teresa HzW - 22. Feb, 11:39

@Neugierig[e-r]

Tatsächlich, da sind wir noch was offen geblieben...

Mich meint damit Ende der 1960er Jahre; als der Kalte Krieg einem neuen Höhepunkt zutrieb; da fuhren entlang der deutsch-tschechischen Grenze die US-Panzer auf; auch in jener Kleinstadt, in der Mich damals zuhause war, bezogen sie Position an mehreren Stellen, auch an jener Brücke ["diesseits und jenseits der Brücke"]; die Menschen, die dort wohnten, trockneten zu jener Zeit ihre Bettwäsche auf den Wiesen entlang des Flusses, daher "Bleiche"; der Ort wurde "die Bleiche" genannt.
Alter Egon kann sich noch erinnern, wie er seine Kinder dazu anhielt, den Notkoffer gepackt zu halten. In dem einen alle Wertpapiere, Ausweise, Bargeld; in dem anderen Kleider, Unterwäsche, das Notdürftigste, das man im Falle "der Russ` kummt", schnappen und flüchten könne. Eine Angst, die damals nicht unbegründet war. Entlang der Hauptstrassen im Zonenrandgebiet [wie es dort damals hieß] Schächte; so gebaut, dass sie für Straßensprengungen genutzt werden könnten. Auf den Bergen des Grenzlandes hüben wie drüben Überwachungstürme zum Abhören des Funkverkehrs u.a.

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