Freie Bücher

Liebe Wi[e]der[W]orte-Leserinnen und - Leser,

derzeit bin ich etwas "blutleer", was das Schreiben gehaltvoller Einträge betrifft. Mag sein, dies liegt an der mich (heraus) fordernden realen Welt, die so viel Raum einnimmt, dass mir kaum Zeit für diese andere Welt hier bleibt.
Dank eines regen Gedankenaustauschs auf einem anderen von mir sehr geschätzten Blog nehme ich mir nun einfach die Zeit, um Gedankengänge die dort [von mir mit] entsprungen, hier fortzuführen. Und vielleicht führt dies dazu, dass ich wieder einmal die Kurve zum Schreiben kriege ;-)

Dort unterhielten wir uns über den Kulturbegriff und über Bücher. Einer schrieb über die Stellen in seinem Haus, in seiner Wohnung, an denen sich seine Bücher "sammelten", während sie sich bei mir zwischenzeitlich stapeln, weil ich keine Zeit mehr habe, sie ordentlich in meine Bibliothek einzuräumen.
Vor einigen Tagen nun, liebe Leserinnen und liebe Leser meines Blogs, hat mich ein Freund unverhofft mit einem Korb Bücher be-denk-schenkt. Es waren gewiss fünfzig oder sechzig an der Zahl, die sich in diesem großen Wäschekorb fanden.

Einer, der wahr machte, was ich seit Monaten vor mir herschiebe: Einmal die eigenen Bücherregale durchforsten! Ausmisten! Seine Bücher frei lassen! Damit Platz schaffen: Für neue, andere Werke. Für junge, neue Gegenwartsautor[inn]en. Für Klassiker. Für Schriftsteller, die man unverhofft wieder entdeckt.
Bücher aussortieren, die einfach nur noch da stehen. Eigentlich den Platz für andere lesenswerte Schätzchen wegnehmen.

„Schau mal, was Du davon brauchen kannst oder lesen magst, den Rest kann` ste mir ja wieder vor die Türe stellen, die wandern dann in die Altpapiertonne!“ sagte der, der mir sie brachte.
Ich war entsetzt.
Bücher wegwerfen?
Ins Altpapier!
Das käme mir wohl nicht in den Sinn!
Dann lieber frei lassen. Bei jemandem, der eine freie Bücherei führt.
Was das ist?
Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht so genau. Allerdings kenne ich einen Ort, an dem eine solche "freie Bücherei" geführt wird.

Es ist ein wunderbares, kleines italienisches Ristorante im Stuttgarter Osten. Mir fällt leider adhoc der Name nicht ein. Für hiesige Landeshauptstadt-Kenner: Es befindet sich unweit des Ostendplatzes, dort wo die Haltestelle der Stadtbahn U4. Man muss in eine kleine Anwohnergasse hineinlaufen. Rechter Hand findet sich an der Gassen-Ecke ein türkischer Kleiderladen und vis-a-vis eine Filiale der Bäckerkette Lang. Man braucht nicht weit hinein gehen, höchstens zehn Meter, dann öffnet sich ein Innenhof, in dem zwischenzeitlich die Stühle und Tische des Italieners aufgestellt und dann noch fünf Schritte und man ist im lichtdurchfluteten Innenhof-Bistro-Ristorante. Im Untergeschoss, wohin man eigentlich nur ent-eilt, wenn einem ein notwendiges Bedürfnis überkommt, finden sich dann sowohl die überall üblichen Ausleger des städtischen Kulturangebotes und ein großes Bücherregal, das mal mehr mal weniger gefüllt: Meist mit Taschenbüchern. Jedoch fand ich auch hin und wieder schon mal eine ältere Ausgabe eines Schulklassikers – was darauf schließen lässt, dass hier öfters auch die Schülerinnen und Schüler einer nahen Bildungseinrichtung her kommen. Jedenfalls dachte ich sofort daran, bei meinem nächsten Besuch im Stuttgarter Osten jene Bücher, die mir aus dieser Bücherkiste nicht zusagen, dann dorthin mitzunehmen [und dann stelle ich auch nachträglich den Namen des Ristorante hier ein].

Indes nachdem ich die obersten beiden Schichten der in einer doppelten Vierer-Reihe gestapelten Bücher in jener Kiste abgenommen hatte, entdeckte ich die ersten Schätze:
Sartres Briefe an Simone de Beauvoir, die mir einen Schrei des Entzückens entlockten.
Gerhart Hauptmann`s "Der Biberpelz“ in der Textfassung fürs Theater.
Heinrich Böll`s Schriften und Reden 1976-1977, gesammelt in einem kleinen Bändchen mit dem Titel "Es kann einem bange werden“.

Und nachdem ich fast am Boden des Wäschezubers angelangt, kam ein Fund zum Vorschein unter einem Buch über die Verlagsstadt Leipzig, mit dem ich nun wahrlich am allerwenigsten gerechnet hätte:
Max Weber`s eintausend und dreiunddreissig Seiten umfassender Wälzer "Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss der verstehenden Soziologie“ mit einem Anhang "Die Rationalen und Soziologischen Grundlagen der Musik“ in der vierten Auflage von 1956, damals erschienen im J.C.B. Mohr-Verlag Tübingen. Ich war sprachlos!

Nun ist das kein Werk, das einer von Seite eins bis Tausend durchliest, es ist mehr ein Nachschlagewerk. Weber`s Grundlagenwerk, das erst posthum veröffentlicht wurde und einen umfassenden Einblick in seinen Denkhorizont gewährt.
Es ist eine Lust und Freude, es aufzuschlagen und nachzulesen, was der große Max Weber vor mehr als einem Jahrhundert zum Beispiel unter der "rationalen Staatsanstalt und die modernen politischen Parteien und Parlamente“ verstand. Was er zu "Parlamentarismus und Demokratie“ ausführte, etwa auf den Seiten 865, 866 dieser Ausgabe: "Parlamentarismus und Demokratisierung stehen durchaus nicht notwendig in Wechselbeziehung, sondern oft im Gegensatz zu einander. Man hat neuerdings sogar nicht selten geglaubt: in notwendigem Gegensatz. Denn wirklicher Parlamentarismus sei nur bei einem Zweiparteiensystem und dies nur bei einer aristokratischen Honoratiorenherrschaft innerhalb der Parteien möglich….

……Mindestens vier, wahrscheinlich aber fünf große Parteien werden also in Deutschland dauernd neben einander stehen, Koalitionsregierungen eine Notwendigkeit bleiben, und die Macht einer klug operierenden Krone wäre stets bedeutend [Anmerkg von Weber: Vor November 1918].“

Liest sich das retrospektiv nicht wie ein damals schon prophetischer Weitblick!?

Jedenfalls ist es herrlich, in diesen alten Schinken hinein zu schmökern und an der einen oder anderen Stelle inne zu halten, wohl wissend unter welch` anderen gesellschaftlichen Einflüssen und in einer ganz anderen Zeit stehend, einer der großen Klassiker der Soziologie dies geschrieben hat. Wobei ich in ihm stets auch den Nationalökonomen sah, den soziologischen Nationalökonomen im Gegensatz oder besser in Ergänzung zu einem anderen großartigen Nationalökonomen: den Joseph Schumpeter.
Allerdings liegt es mir fern, hier und an dieser Stelle in einen nationalökonomischen Diskurs einzusteigen ;-)
Da hätte ich zudem erst gründlich im einen wie im anderen nachzulesen und somit verschüttetes Wissen aufzufrischen. Ich bin ja schon froh, hier und heute wenigstens wieder einmal die Kurve für ein paar Ausführungen hin-bekommen zu haben ;-)
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