Lebensverderber-Teufele

Heute ist mit mir nicht gut Kirschen essen. Schon seit gestern Abend nicht mehr. Besser wenn alle einen weiten Bogen um mich machen. Mir aus dem Weg gehen, bevor ich in Sichtweite komme.

Gestern hatte ich es mir noch gedacht, dass es leichtsinnig war, zu schreiben, unverhofft, freie Zeit erhalten zu haben. Unverhofft, weil der Weinberg bestellt und dadurch ein paar angenehme Wochen ins Haus hätten stehen können. Daraus wird jetzt wieder einmal nichts. Zu früh gefreut. Wie schon öfters in diesem Jahr.


„Ätschgäbele“.
Das kleine Lebensverderber-Teufele lehnte lässig neben der Haustür.
Zuerst lauerte es hinter dem Mauervorsprung, als ich gestern Abend, es war schon finster, die Heute Nachrichten vorbei, die Tagesschau noch nicht da, gerade liefen die Südwestnachrichten.... da kauerte es am Briefkästlein, den ich erst zu später Abendstunde aufschloss. Nachdem die Testaufsätze geschrieben und der gesamte fünfseitige Testbogen auf den Weg gebracht, abgesandt war.
Glücklicherweise.
Denn hernach, nachdem das Grauen sein Gesicht zeigte, war mir nicht mehr nach Fortbildung zumute, jedenfalls nicht nach fremdsprachlicher.

Zurück im Haus, ich hatte irgendwie nicht aufgepasst, war es mit hinein geschlüpft, hatte sich zuerst in der Garderobe versteckt, wo ich stehenblieb mit dem schmutzig grauen Briefumschlag in der Hand.
Da streckte es mir das erste Mal die Zunge raus. Ich hielt es für einen schlechten Traum, obwohl ich doch noch gar nicht schlief. Einen Alptraum, gedruckt auf grauem Papier.
Behördenpost.
Das sah man sofort.
Besondere Behördenpost.
Von der Sorte, die meistens nichts Gutes verheißt. Eine Aufforderung zur Abgabe eines Tuns. Keinesfalls eines Unterlassens. Das wäre ja noch schöner.
MAHNUNG – stand da. Das Teufelchen grinste.

„Mahnung?“
Ich konnte mich keiner Aufforderung eines Tuns entsinnen. Wurde irgendeine Märchensteuerüberweisung vergessen? Das konnte nicht sein. Das ist ein Automatismus.

ERSTE Mahnung.
In dicken Lettern.
Das Teufelchen grinste frech und verzog sein Bürokratengesicht zu einer Fratze.
Eine Tabelle kam zum Vorschein, mit fünf Zeilen befüllt, die wiederum unterschiedliche Termine enthielten.
Ganz rechts unten eine Zahl.
„Mit Säumniszuschlag und Zins.“
Das Teufelchen wurde frech.
Dann eine Zahl. Eine hohe Zahl.
„Zu zahlen binnen einer Woche“.
Das Teufelchen tanzte vor meiner Nase auf und ab.
„Alle Zahlungen bis 14. Oktober…“
Da tat es einen Schlag.
Das Teufelchen ergriff die Flucht.
Ich knallte der Länge nach hin.
Auf die guten alten Sollnhofer Fliesen.
Mit dem Kopf.
Beinahe.

Alter Egon – der woher auch immer des Wegs kam – fing mich gerade noch auf.
Dann sind ein paar Sicherungen durchgebrannt, und die Fetzen geflogen.
Der arme Alte Egon. Der konnte nichts dafür. Eigentlich.
Ich regte mich auf. Und die Lebenspumpe kam ins Stottern. Mal wieder.

Ich regte mich auf.
Die letzten drei Monate quasi umsonst gearbeitet. Nein, nicht für ein vierzehntes Gehalt. Nicht für Boni. Nicht fürs Weihnachtsgeld. Keine 35-Stunden-Woche. Kein Nine-to-five-Job. Kein Bore-Out eher schon an der Grenze zum Burn-Out.
Weil…
Geschuftet. Geackert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Fünfundsiebzig Stunden die Woche, manchmal auch achtzig, einmal sogar neunzig. Mit achtzehn-Stunden-Tagen. Rund-um-die-Uhr. Montag. Dienstag. Mittwoch. Donnerstag. Freitag. Samstag. Sonntag. Montag. Dienstag. Mittwoch. Donnerstag, Freitag. Samstag. Sonn…. O.k. ein paarmal in der Sonne gelegen… dann nachts weiter… geschuftet….

...eigentlich sollte man:
Alles verkaufen. Alles.
Verklopfen. Weg damit.
Abhauen. Einfach weg.
Aus diesem sch…. Land! In dem die Dummen schaffen. Manchmal nicht mal mehr für einen Hungerlohn. Fünf und… Euro. Umsatz vor Steuern. Noch kein Gewinn.

Unterm Strich bleibt nichts mehr übrig.
Auf die Kante legen. Haha. Das war mal. Vor zehn, fünfzehn Jahren. Ja. Da konnte man das noch.
Heute. Nicht mehr. Kann man froh sein, wenn es Null für Null aufgeht. Wenn man durch Arbeiten, durch Selbstständigkeit, nicht auch noch ins Minus rutscht.

Und dann kommt einer daher und will aus heiterem Himmel einen hohen Nachzahlungsbetrag. Da kann ich gleich den ganzen Weinberg verbrennen.
Alles.
Einfach für die Katz`!

Wofür macht man das alles eigentlich: Arbeiten? Etwas aufbauen? Einen Baum pflanzen? Ein Haus erhalten? Anderen [und sich selber natürlich auch] Lebenssinn geben. Fair handeln. Soziale Verantwortung übernehmen. Verantwortlich sein. Sich engagieren.

Während andere, die Damen und Herren Politiker, unser Geld verzocken. Sitzen in ihren Ministerien und blasen ihre Backen dick auf. Haben selber noch nie in sengender Hitze im fünfundvierzig Grad Winkel stehend Triebe geschnitten. Hundertfünfzig Meter bergaufwärts. Hundertfünfzig Meter bergab. Bergauf. Bergab. Stundenlang. Wollen uns stattdessen erzählen, was ökologisch wirtschaften ist. Haben noch nie einen Betrieb von innen gesehen. Schon gar keinen landwirtschaftlichen. Kennen die Sorgen und Nöte der Menschen im Land überhaupt nicht.
Hören wollen sie einen, anhören. Haben sie gesagt.
Versprochen.
Vor der Wahl...
"Gehört werden, heißt nicht, erhört werden", sagte vor wenigen Tagen erst zynisch der neue Superminister dieses Bundeslandes.
Davor... vor der Regierungsverantwortung... sind sie zeitlebens nur in ihrem intellektuellen Sandkasten gehockt. Haben mit Holzspielzeug Ökologie-Regierung gespielt – wie in einem Planspiel:
„What if… we will be the government… anyday…“
- „Hahaha“
„Yes, anyday… anyway“
- „Zieh` doch nochmal von dem Pfeiferl da… gut gell. Tabak aus Kuba."
- "Hm, da fahren wir hin… mit einer Wirtschaftsdelegation… wenn wir in Amt und Würden sind“
„Gebongt“
-„Können wir billig Zigarren….“
„Pssst nicht so laut…“
-„Anyday….anyway“


„Das nützt jetzt auch nichts, wenn Du Dich aufregst“.
Alter Egon hat Recht.
„Wozu dann einen Steuerberater?“ frage ich. „Wozu zahle ich einen Steuerberater, wenn der einen nicht aufklärt! Der hätte das doch wissen müssen.“

„Wusste er doch auch…“
„Kann mich nicht erinnern, der sagte, das wird verrechnet mit dem Jahr 2010. Und nun… Nein, Nichts mehr arbeiten. Beine hochlegen. Sind wir eigentlich doof?“

Alter Egon: ??? starrt in die Luft, weiß nichts zu sagen. Schlurft schweigend hinaus.

Und Sie schweigen jetzt besser auch, weil heute ist hier dicke Luft. Ummpfff!
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