Montauk XI - Frisch und die Frauen

Nachdem ich Montauk fast ausgelesen, kann es keinen Zweifel mehr geben - das Grundthema in dieser Tagebuch-Erzählung lautet: Mann liebt Frau[en]. In vielen Variationen.
Im letzten Drittel des Buches geht es nahezu nur noch um die Partnerschaften Frischs zum anderen Geschlecht, um sein Verhältnis zu den Frauen. Montauk ist daher nicht e i n e [einzige] Frühlingsromanze! Montauk ist die Sammlung a l l e r Frauengeschichten, die Frisch je hatte. Freundlicher formuliert: Es ist die Sammlung a l l e r Liebesgeschichten im Leben von Max Frisch.

Im Prinzip schildert er in Montauk nicht nur die ihm damals gegenwärtige Frühlingsromanze mit Lynn, sondern in [Gegenwart und] Rückblenden [liebevoll] den Beginn aller seiner L[i]ebe[n]s-Romanzen. Und dies, die jeweiligen Anfänge, zärtlich ausführlich.
Das jeweilige [dicke] Ende bedenkt Max Frisch stets nur noch mit einem kurzen [Ab]Satz, wie damals als jäh die Liebe zur Bachmann endete: "Ich komme von Rom! Das ist alles. Ich bin da. Warum ich nicht wenigstens angerufen habe, weiß ich nicht; ich habe nicht dran gedacht, nur gehofft, dass sie da ist. Sie ist da. Das ist vor dreizehn Jahren gewesen. Ingeborg ist tot. Zuletzt gesprochen haben wir uns 1963 in einem römischen Café vormittags" (S. 1611).
Genauso nüchtern, beinahe kalt[herzig], der Abschied von Lynn. [In meiner Suhrkamp-Quarto-Montauk-Ausgabe] nach 120 Seiten des Erzählens der Wochenendromanze schrumpft er diese Romanze im Buch auf sechs Zeilen zusammen: "Wir mussten jetzt nur noch den genauen Ort finden, wo man sich trennt, und auf den Verkehr achten; wir nahmen uns an der Hand, als wir die Avenue zu überqueren hatten, und liefen. First AVE/46th Street, das war der Punkt offenkundig, wir sagten: Bye, kußlos, dann ein zweites Mal mit erhobener Hand: Hi."

Geht es dem Autor daher mehr um den Beginn und die Blühte einer Liebe [auch im Sinne von Freundschaft]? Gleich welche Qualität diese nun hat: Ob daraus eine Jahr[zehnt]e währende Ehe wird oder nur eine Wochenend-Romanze, sozusagen ein Three-Night-Stand? Fast bin ich versucht, TNT, das Kürzel für Sprengstoff, zu schreiben. Denn, eigentlich bargen alle Beziehungen Frisch`s explosiven Stoff in sich:
Ingeborg Bachmann – das war wohl die dramatischste [vielleicht auch nur in meiner subjektiven Leserinnen-Sicht, da ich über die Beziehung der beiden, durch jahrelange Bachmann- und Frisch-Lektüre bedingt, am meisten weiß].
Die Verbindung zu seiner zweiten Ehefrau, Marianne, scheint mir die liebevollste gewesen zu sein. Jedenfalls enthält der Schlussteil von Montauk mehrere wunderbare Liebeserklärungen an sie, etwa wenn er über das gemeinsame Haus in Berzona schreibt. Der gefühlvollste Abschnitt, mit einer wunderschönen Liebeserklärung an seine zweite Frau, befindet sich auf Seite 1637, kurz nach der Satzstelle[als die Arbeiter, die sein Haus sanierten – stellvertretend für ihn[?] - sagen]: "Ein schönes Jahr, so sagen sie, sei es gewesen hier. Auguri." Kurz danach diese Liebeserklärung: "Zu beschreiben wäre die eine oder andere Speise, die Du erfunden hast/wie Du jüngere und alte Leute gewinnst, so dass sie gern ins Haus kommen/wenn wir in den kalten Bächen schwimmen, wenn ich die Flasche entkorke, die wir im Bach gekühlt haben: Deine frohe Anwesenheit/der Haufen von Büchern (hauptsächlich Deutsch, aber auch Englisch, Französisch, Italienisch) auf dem Boden neben Deinem Bett/wie Du viele Leute beschenkst/Deine kindliche Aufregung vor Geburtstagen/wie Du eine Frau auf dem Fahrrad sitzest und dabei eine Mädchenzeit sichtbar machst/Dein Arbeitstisch, das Tohuwabohu von schweren Wörterbüchern und beschriebenen Blättern und weißen Blättern und Zeitschriften der literarischen Avantgarde und Briefmarken und Magazinen mit Mode, die Du nicht trägst, und Briefen, die beantwortet sind/Dein mütterlicher Kummer mit meiner Arbeit/Dein lederner und vom Regen verwaschener Texas-Hut, wenn ich ihn im Gedränge am Bahnhof erkenne, und Orte, die ohne Dich anders sind: Prag, Warschau, Avignon, Paris, Leningrad, Odessa, Venedig, London, Jerusalem, Manhattan etc. und der kleine Steintisch im Tessin"

Dagegen war Lynn, die Gegenwarts-Romanze in Montauk, ihm nur eine Episode. Eine Gelegenheit. Eine Versuchung, der er nicht widerstehen konnte. So scheint mir. So nehme ich es am Schluss der Buchlesung wahr. Sie, Lynn, war eine Gelegenheit, die er bei seinem New York-Aufenthalt im Frühjahr 1974 wie im Vorübergehen mitnahm. So wie jemand schöne Wiesenblumen pflückt, die im Frühjahr am Wegesrand nach einem langen Winter er-blühen. Wer kann da schon widerstehen!?
"Nur nichts anbrennen lassen" – [könnte s]ein [chauvinistischer] Spruch [sein]. Fast scheint es mir, als ob Max Frisch in Bezug auf Frauen so lebte, präsentiert er sich hier in Montauk doch auch als "Schürzenjäger", als Frauenheld. Kein Playboy, um nicht missverstanden zu werden. Aber doch als Schürzenjäger [den altmodischen Begriff finde ich zur Generation Frisch`s passend], auch wenn die Frauen, denen er erlag, keine Schürzenträgerinnen, sondern nach meinem Lese-Eindruck starke, selbstbewusste, intelligente und intellektuell ihm ebenbürtige Partnerinnen waren.

Mag aber auch sein, dass Frisch sich in Montauk, seinem Spätwerk, im Vergleich zu seiner anderen Prosa inszeniert hat!
Hat er sich bewusst am Ende seines [Mannes-]Lebens mit Montauk absichtlich als Frauenheld inszeniert, damit dieser Eindruck seiner Nachwelt zurückbleibt?
Jedenfalls geht vieles, was die ihm geneigte Leserin [vielleicht auch der ihm geneigte Les-er ?] in Montauk aus seinem Munde, aus seiner Schreibe erfährt, nicht mit dem zusammen, was unsereine[r] aus früheren Interviews mit ihm oder aus literarisch-feuilletonistischen Aufarbeitungen über ihn weiß.

Jedenfalls kann ich auf die Frage, die im Diskussionsstrang zu Montauk VI, mir der Steppenhund stellte: "War Frisch ein Frauenhasser?" mit voller Inbrunst und Überzeugung sagen: "Nein!"
Dafür hat er die Frauen – seine Ehefrauen insbesondere– viel zu sehr geliebt.
Dafür hatte er zu viele Affären.
Ist es nicht so, dass ein Mann, der Frauen hasst, im einen Fall sich diesen fernhält und Junggeselle bleibt oder im anderen Fall sich als wandelnder Playboy gebärdet und an jedem Finger zehn hat!?
Vielleicht müsste ich die psychologisch-psychoanalytisch Beschlagenen unter Ihnen, meiner Leserschaft, bemühen und bitten, um die These, die ich mir zurecht legte, tiefer zu ergründen: Ich wage nämlich die provokante These, dass Frisch sogar zu der Sorte Mann gehört[e], die Frauen zu sehr lieben. Jawoll!
Ein Indiz dafür scheint mir auf Seite 1605 zu stehen, wo er mehrmals ausruft: "Damn! Shit!" [dies nur, dass alle Mit-Leser[innen] jene Stelle leichter finden] Dort an jenen Stellen, bei einem dieser Ausrufe, gesteht er sich ein: "Es bleibt das irre Bedürfnis nach Gegenwart durch eine Frau. Ich kenne das Vakuum: wenn eine Viertelstunde, die nächste länger erscheint als das vergangene Jahr..."

Frisch erzählt in Montauk nicht nur die Liebesgeschichten seines Lebens, sondern er beichtet auch seine Fehler.
Zu jenen zählen außer des Chauvinismus und seines Jähzorns auch seine Eifersucht[m.E. ein weiteres Indiz für "zu sehr lieben"(!?)], die sich im eben genannten Zitat auch schon ausdrückt, jedoch auch in diesem: "Die Eifersucht ist der Preis von meiner Seite, ich bezahle ihn voll" (Seite 1610).
Ich erinnere mich an einen Spruch, gelesen an der Innenwand einer Toilette, vor mehr als dreißig Jahren, ein Spruch, der einem auch nach Jahr[zehnt]en noch einfällt, wenn man über Eifersucht spricht oder schreibt: "Leidenschaft ist eine Sucht, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft."
Hat Frisch also eigentlich die Leidenschaft gesucht, das Gegenteil von "hassend"? War er den Frauen in seiner liebenden Leidenschaft so sehr verfallen, dass er ihnen gar hörig war?
Stürzte er sich von einer Frau zur nächsten, von einer Liebe[s]-such-t in die andere, weil es ihm nur so gelingt, sich aus der hörigen Abhängigkeit der jeweils gegenwärtigen Liebesbeziehung zu befreien? Warum begeht [und gesteht] er sonst [in Montauk] Taten, die einem außenstehenden Leser als töricht, vielleicht sogar wahnsinnig, erscheinen? Etwa wenn er in strömenden Regen vierzehn Stunden, allein, eine Fahrt non-stopp von Rom über den Sankt Gotthard in die Schweiz unternimmt, um sie, die Geliebte zu sehen. Anstatt zu übernachten, fährt er unter widrigsten Wetterbedingungen weiter und stürzt mit dem Auto fast den Alpenhang hinunter. "Wieder einmal meine ich, dass ich es nicht aushalte ohne sie." (Seite 1610, die Fahrt zu I.B. ist dort und auf Seite 1611 dramatisch beschrieben).

Treiben ihn die Eifersucht und seine Hörigkeit zu Taten, die man psychologisch betrachtet, als zwanghaft bezeichnen könnte? Dazu zählt auch, dass er den Frauen hinterher spioniert, heimlich ihre Briefpost liest oder etwa der I.B. einmal an einer Straßenecke vor Rom auflauert und ihr - unerkannt – eine halbe Stunde im Auto hinterher fährt [weil er dachte, sie habe einen anderen im Auto neben sich sitzend]…

Legt Frisch daher seinen wahren Charakter in Montauk frei? Filettiert er sich darin selbst wie man ansonsten einen Fisch zerlegt? Denn schonungslos legt er sich frei. Die guten wie auch die schlechten Seiten. Will er sich dadurch im gesetzten Alter – mit dreiundsechzig – ein für allemal mit Montauk vom "Laster der Liebe" befreien? Versucht er sich davon frei zu schreiben, wenn er an mehreren Stellen in Montauk – die überschrieben sind mit der Zwischenüberschrift "my life as a man" – bekennt, ja eigentlich beichtet: "Es lässt mir keine Ruhe, ich muss wissen, wen ich liebe [als Bekenntnis zu seiner Eifersucht]… Es muss an mir liegen, wenn ähnliche Verhaltensweisen wiederkehren, oft sogar haargenau….Ob es mich peinigt oder beseligt, was ich um die geliebte Frau herum erfinde, ist gleichgültig; es muss mich nur überzeugen. Es sind nicht die Frauen, die mich hinters Licht führen; das tue ich selber." (alle Zitate auf Seite 1593)
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