Punkt Komma Strich - Ein Kleinod

Zum Auftakt meiner neuen Lese[Reihe] "Punkt Komma Strich" - lassen Sie sich heute von mir… ent-[ver]-führen…

...in eine andere Welt…

....in eine Gegend, deren „fremde Physiognomie den Besucher ganz seltsam anspricht; besonders überraschen die beiden im Park gelegenen Seen, die viele Aehnlichkeit mit den Hochseen des Schwarzwaldes haben und durch die reine Waldluft, die um sie weht, diesen noch näher verwandt werden…Die stille Abgelegenheit dieser Gegend, der Reichthum an Quellen, Bächen und Seen, die verschiedenen Holzarten, die äsungsreichen Waldwiesen und Blösen lockten von jeher das Wild“.

Und nicht nur dieses, denn einer entdeckte dieses Kleinod auf einer terrassenförmigen Anhöhe, als sein Jahrhundert in voller Blüte stand. Als beispielsweise auf der anderen Seite des Rheins jener geboren wurde, der später die „Marseillaise“ komponierte: Claude Joseph Rouget de Lisle.

Es war diesseits des Rheins die Zeit, als unser aller Vorfahren noch Wert auf das Lustwandeln legten, als ein Giacomo Casanova die Herzen der Frauen im Sturm eroberte und brach. Als jener Ort, den ich Ihnen wärmstens ans Herz an-empfehle, kommen Sie einmal in die Nähe dieser Gefilde, „der glänzendste in Europa“ war. Jedenfalls beschrieb das ehemals der weitgereiste Casanova so. Er würdigte diesen Ort in seinen Memoiren und widmete den hier erlebten Lustbarkeiten einige Ausführungen, von den „prachtvollen Gebäuden, Jagdzügen und Verrücktheiten aller Art“ schwärmend:
„Es gab eine französische Komödie, eine Komische Oper, eine italienische „Oper seria“ und „Opera buffa“, … ein Maschinist baute … Dekorationen, die den Zuschauer fast an Zauberei glauben ließen.“

Frueher der Eingang ins Theater Ihro Durchlaucht heute der Eingang in die künstlerische Akademie des Landes


Allerdings kostete dieser Prunk einen Haufen Geld,
der die wirtschaftlichen Kräfte Schwabens, damals hieß der Landstrich allerdings noch „Württemberg“ [und war nicht mit [dem] Bad[isch]en vereint], überdehnte. Hinzukam das wenig rühmliche Ende des Siebenjährigen Krieges, in dem Ihro Durchlaucht, der damalige hiesige Landesherzog an der Seite der Habsburgischen Verbündeten gegen den Preußenkönig zu Felde zog und in der Schlacht bei Liegnitz unterlag.
Anstelle eines höheren Ranges und neuer Gebiete für Württemberg, hagelte es Klagen. Die sogenannte Landschaft, die württembergische Ständevertretung, zog sogar gegen den eigenen Herzog bei der damals zuständigen Hofkammer vor den Kadi: Sie verklagte den Landesherrn wegen seines „prunkvollen Regierungsstils, seiner Truppenaushebungen, seiner Steuererhebungen und wegen des ungeheuren Aufwands am Bau dieses Jagdschlosses“, das heute zu den bedeutendsten architektonischen Bauwerken des 18. Jahrhunderts im deutschen Südwesten zählt.

Mag sein, dass der damalige Herzog nach dieser erlittenen militärischen Niederlage Trost in der Kunst und kühner baulicher Vorhaben suchte!?

Jedenfalls legte er am Zehenten des November 1763 den Grundstein für das Jagdschloss, dessen Planung er selbst in die Hände nahm. Für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich. Schließlich hatte er wie alle Fürsten seiner Zeit während seiner Erziehung auch Unterricht in allen Fächern der bildenden Kunst, vor allem der Architektur, genossen.

„Der Herzog ritten den gantzen Tag bey denen Arbeiten herum.“
Eintragungen wie diese finden sich in alten Tagebüchern und Aufzeichnungen, etwa des Freiherrn Buwinghausen-Wallmerode, und zeigen, dass der Herzog auch Einfluss auf die Ausführungen nahm. Der Natur- und Pferdeliebhaber ließ dort seinen Marstall für 380 Pferde ausgestalten und prachtvolle Gärten, Orangerien, einen Kleinen Lust-See, Pavillons, Obstbaumplantagen und wundervolle Alleen anlegen, durch die ein[e] Besucher[in] heute noch spatzieren kann.

Selbst nach 250 Jahren sind heute noch die alten Sichtachsen und zahlreiche Wege erhalten oder zumindest erkennbar: Wie etwa jener dreizehn Kilometer lange Weg, der kerzengerade von diesem wundervollen Jagdschloss hinaus aufs Land in sein Ludwigsburger Schloss führt. Hie wie da bildet – zumindest von den Anhöhen aus – dieses einsam gelegene Schloss einen effektvollen Blickfang. Es thront auf einer Kuppe über dem Steilabfall zwischen Stuttgart und Leonberg und bietet eine grandiose Aussicht über das Unterland.

Gleich von welcher Seite ein Besucher darauf hin laeuft - dieses Schloss praesentiert sich stets von seiner Schokoladenseite

Schloss Solitude

Das frei stehende Hauptgebäude besitzt zwei nahezu identische Fassaden – auf der Vorder- und Rückseite – und wird von zwei separaten Flügelbauten eingefasst. Seitlich davon flankiert je eine Reihe kleiner Pavillons diese exponierte Baugruppe. Das breit gelagerte Ensemble bildet den Kern der heute noch weitläufigen Gesamtanlage.
Die Beletage des Schlosses erhebt sich über einem Sockelgeschoss und zwei wundervoll geschwungene Freitreppen führen hinauf auf die den Gebäudekern umfangende Altane. Dadurch und durch diese Zweigeschossigkeit erinnert das Schloss an eine lange Reihe von Lusthäusern, die nicht als Wohn-, sondern als Repräsentations- und Festgebäude dienten. Ein Schema, das im österreichisch-böhmischen Barock häufig anzutreffen ist.
Dieser Hauptbau wird durch zwanzig kleine sogenannte Kavalliershäuschen ergänzt, die sich gegenüber des Schlosses links und rechts erstrecken.

Damals nahmen sie das Herzogsappartement, Räume für das Gefolge, Salons für Gesellschaften, die Kapelle, Wirtschaftsräume, Speisesaal und Räume für den Hofstaat auf. Aber auch Casanova`sche Lustbarkeiten wie Billardzimmer und das Theater befanden sich dort.

Heute fungieren die Kavalliershäuschen als Wohn- und Arbeitsstätten für eine Hand verlesene Schar junger Stipendiaten [aus den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Design, Literatur, Musik/Klang und Video/Film/Neue Medien]. Auf Kosten des Landes dürfen sie dort, in der Abgeschiedenheit, [bis zu] ein[em] Jahr lang ihrer künstlerischen Muse frönen.

Und gar mancher Spaziergänger hat dort oben erst sein Herz und dann seine Singlezeit verloren und schließlich mit einem rauschenden Hochzeitsfeste das „Ja-Wort“ besiegelt.

Achja… und dann sind einige Innenräume des Schlosses auch eine wunderbare Location für einen unvergesslichen Sonntagsbrunch (allerdings vorherige Anmeldung erforderlich!) mit anschließender Schlossführung und ausgedehntem Spaziergang entlang des weitläufigen Gebäudeensembles und durch die angrenzende Parklandschaft mit Gärten und Wäldern.

Wenn Sie bei einem Besuch dann irgendwann an einem der Holzzäune bei den Pferdeweiden lehnen, dann mag Ihnen folgendes Bild in den Sinn kommen, das eine der Zeremonien beschreibt, die ein Vierteljahrtausend zuvor Ihro herzogliche Durchlaucht gern an Jadg-Wochenenden, wie jenem im September 1768, aufbot:
„Der Herzog empfing Prinz Friedrich Eugen, seinen Bruder, und den Erbprinzen von Thurn und Taxis, seinen Schwager. Nach einer Hirschjagd fuhr Ihro Durchlaucht auf das Schloss voraus und ließ 12 Canonen, 4 Chor Trompeter und Paucker auf der Schloßaltane und ein weiteres Corps auf der Kuppel postieren. In Weilimdorf [Ort am Fuße der Anhöhe] hieß er dann die Nachfolgenden willkommen. Wie der Herzog von Weilimdorff wegfuhre, so wurden die Canonen das erstemahl, bey dem grossen Bassin unten am Berg, das zweytemahl, und nachdeme Sie vor dem Corps de logis abgestiegen, das drittmahl abgefeuert…. Sobald der Herzog zum dritten Bassin kamen, so liessen sich alle 5 Chors Trompeter und Paucker hören und continuirten so lang, biss alles in dem grossen Marmor-Saal des Schlosses eingetretten war. Am Abend gienge man nach einer kleinen Weile in die Opera „Le Contese par Amore“, wo zu Anfang und zu Ende derselben ein Ballet war. Der Tag fand seinen Abschluß mit einem Mahl zu 24 Couverts [Gedecken], das im Speisesaal des Cavalierbaus eingenommen wurde.“

Rätselfreund[inn]e[n]!
Wer von Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, bis hierher beim Lesen durchgehalten hat, knackt gewiss ganz leicht die Rätselfragen, die ich allen Freund[inn]en des Knobelns und Ratens und Googlens ins Kommentarfeld hinein geschrieben ;-)


Übrigens:
Die Glanzzeit des Schlosses währte nur wenige Jahre. Bereits 1775 verlegte Ihro Durchlaucht, Seine Königliche Hoheit, Carl Eugen, zwölfter Herzog von Württemberg, die Residenz von Ludwigsburg nach Stuttgart zurück, nahm seinen Sommersitz in Hohenheim und verlegte die Militärakademie [von diesem Orte] hinunter nach Stuttgart.
Dieses Schloss hier wurde nur noch gelegentlich zu Jagden und Aufenthalten bedeutender Gäste genutzt. Und der Vater eines anderen großen Mannes, Johann Caspar Schiller, Vater Friedrich Schillers, musste auf Anordnung Ihro Durchlaucht gar die Gartenanlagen auflösen. Um 1780 herum.
Dafür können Sie heute mit dem Bus, dem 92er, vom Rand der Stuttgarter Innenstadt, dem Rotebühlplatz, in vierundzwanzig Minuten hinauf in dieses Kleinod des 18. Jahrhunderts fahren. Jede halbe Stunde. Der Bus fährt direkt in die Anlage hinein und hält unmittelbar vor dem Schloss.
Für Schlossbesichtigung und das Lustwandeln in der Natur sollten Sie etwa zwei bis zweieinhalb Stunden einplanen. Vielleicht nehmen Sie als krönenden Abschluss auf der Schlossterrasse mit Blick auf den Solitudepark und Künstlerakademie einen „Einspänner“ und genießen ein Stück Schwarzwälderkirsch, bevor Sie sich wieder per Pedes, Bus oder Auto auf den Heimweg machen.
Mein Geheimtipp zum sechzigsten Geburtstag des Landes für alle [ein]heimischen Lustwandler und auswärtigen Stuttgart-Besucher… selbst für jene, die nur auf eine Stippvisite vorbei kommen.
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