Tagwerk12 - Sprachlos

Ich will mal wieder ein Tagwerk versuchen. Es müsste das mittlerweile Zwölfte sein [wenn ich mich nicht verzählte].

Seltsam, ich habe Zeit, mehr als sonst an Tagen, in Wochen, in Monaten, in denen es im Weinberg [des Lebens] viel zu tun gibt und (!) fühle mich gestresst!
Gestresst.
Nicht vom Zeit haben...
...., sondern weil so viel passiert.
Ich so viel mache. Obwohl zwischendurch viel Zeit zur Erholung bleibt. Scheinbar.

Das Problem Nummer „eins“:
Die Zeit verfliegt wie im Flug.
Das Problem Nummer „zwei“:
Menschen sind anstrengender wie Weinberge.
Das Problem Nummer „drei“:
Es bleibt zu wenig Zeit – für einen [mich] selbst.

Bei Problem Nummer „zwei“ sollte ich präzisieren:
Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden, sich mit dem anderen auseinander zu setzen, ihm zuzuhören...
...das alles ist anstrengender als im Weinberg still vor sich hin zu arbeiten, an nichts zu denken, manchmal stupide vor sich hin werkeln.
Bergauf, bergab.. das [im] Zen des Weinbergs.


Gestern. Mittag.
Hin gefahren.
Z`Schtuagert.
Durch den Park gelaufen: Die unteren, mittleren, oberen Schlossgartenanlagen. Um das Protestcamp herum.
Im Café am Wasser gestrandet. Milde 19,4 Grad zeigte das Thermometer am Eingang zur schwimmenden Seenterrasse. In der Sonne gesessen.
Cappuccino, Wasser, Bitter Lemon, Apfelkuchen bestellt.
Mit Blick auf den rot, orange, gelb, braun, golden gefärbten Blätterwald, auf Entchen, die herangeschwommen und sich wieder wegduckten.

Zwischendurch hätte ich mich manchmal auch am liebsten weggeduckt.
Weggeduckt, weil es Probleme, Sorgen und Nöte gibt, bei denen man, wenn man sie hört, schlichtweg nicht weiß, wie [re]agieren. Weil man überwältigt ist, wird: Nur vom Zuhören.
Ich entschied für mich, dass es besser sei, nur zuzuhören. Oder Fragen zu stellen. Nachfragen. Verständnisfragen.
Tröstende Worte zu finden.
Das fiel mir ungeheuer schwer, weil es für manche Dinge im Leben keine tröstenden Worte gibt. Sie eher verschlimmern, als eines andern Zustand, Gefühle, Stimmungen verbessern.


C. eine langjährige Gefährtin [Bekannte wäre zu wenig, Freundin zu viel gesagt], deren Wege meine immer wieder kreuz[t]en in den letzten fünfundzwanzig Jahren, erzählte von sich, von Krankheiten: Herz. Schmerz. Söhne. Probleme mit dem jüngsten. S.
Seltsam, dass es bei zwei Kindern immer die jüngeren sind, die die Problemkinder werden.
S. leide an einer Persönlichkeitsstörung, seit zehn Jahren. erzählt C. mir.
"Ohje...", denke ich mir.

Damals, er war gerade sechzehn, fing alles an mit ihm. Eigentlich durch einen Schulwechsel, wie C. meint.
S., ein ruhiges Kind, bis dato.
Hübsch, Schwarm der Mädchen.
Mit den Jungs kommt er nicht klar, weil er weder mitraucht, noch mittrinkt, noch zu Feten mitgeht. Außerdem hat er gute Noten, zu gute. Er wird zum Außenseiter. Nach außen immer ruhig.
Plötzlich wird er aggressiv. Zunächst Unterschwellig.
Zieht sich zurück, stundenlang. Spricht nicht mehr. Schweigt.
Dann: Prügeleien. Anzeigen.
Es folgen diverse Schulstrafen. Verweise.
S. bedroht weiter andere.
Nun schriftlich. Per Email. Per SMS. Das wird ihm in einem Fall zum Verhängnis.
Verfahren vor dem Jugendrichter.
Verständnisvoller alter Richter.
S. wird zu einhundert Stunden sozialer Arbeit verdonnert. Er leistet diese in einer Behinderteneinrichtung ab. Danach gehen die Probleme in der Schule weiter.
C. geht mit ihm zum Familienpsychologen.
S. wird stationär eingewiesen. Die Ärzte sind sich uneins. Es werden verschiedene Diagnosen gestellt: von Pubertäts-Identitätsproblemen über Borderline bis hin zu Schizophrenie. Einig sind sie sich nur in einem: Persönlichkeitsstörung.
Könnte sich nach Pubertät geben, meinen die Ärzte, meint C.
Irgendwie schafft er es durch die Schule.

S. ist zwischenzeitlich großjährig. Er macht ein sehr gutes Abitur und beginnt in der EDV eines großen Unternehmens, als Praktikant.
Er hat Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Studieren will er nicht. Nur noch ein Assessment trennt ihn vom Arbeitsvertrag. Vierhundert Fragen, die es binnen eines Tages unter Aufsicht abzuarbeiten gilt. Er beantwortet alle. Mustergültig. Bis auf eine.
Dies ruft den Geschäftsführer auf den Plan. Weil es das noch nie gab, dass ein Azubi-Anwärter alle Fragen zu beantworten in der Lage. Sie gar mit Bravour meistert. Bis auf eine. Er bittet S. zum Gespräch.
Es verläuft zunächst gut.
Obwohl S. nervös.
Er mag solche Gespräche nicht. Sagt C.
Der Geschäftsführer fragt nach den Eltern. Er kennt S. Vater, vom Hörensagen, da A., der Ex von C. ein bekannter Fußballer. Ein Prominenter sozusagen.
C. wiederum ist Selbstständig, Unternehmensberaterin. Der Geschäftsführer fragt nach ihr.
Da kocht es zum ersten Mal in S. hoch, erzählt mir C.
„Was geht das den an, was meine Mutter macht“, habe er sich gefragt.
C. sagt zu mir, da habe sie schon geahnt, dass das Gespräch nicht mehr gut ausgehe.
Sie habe S. sehen können, wie er da saß, am großen Besprechungstisch, dem Geschäftsführer gegenüber. Über Eck seien sie gesessen. Er, der Geschäftsführer an der Kopfseite, S. links von ihm an der Längsseite, ein Stuhl sei dazwischen frei gewesen.

C. sah also ihren Sohn vor sich. Wie er da saß, während der Geschäftsführer nach den Eltern fragte, nach den Fußballspielen des Vaters. Nach der Tätigkeit der Mutter. Wie er die Lippen zusammenpresste, sich dachte:
„Was geht das den an, was meine Mutter macht?“
Wie es in ihm hochkochte.
ES.
Das Gefühl.
Die Wut.
Die Aggression.
Wie er, S., sich auf die Lippen biss.
Die Wut bis Unterkante Oberlippe anschwoll.

„Ja, und was macht man da als „xy“-Beraterin?“ fragte der Geschäftsführer. Zuguterletzt.
In schnippischem Unterton. Verächtlich. Herablassend. Abwertend.
Wie S. dachte.

„Den geht das gar nichts an, was meine Mutter wie macht!“
Und…
Da holte S. aus.
Der Faustschlag traf den Geschäftsführer an der linken Backe, am linken Unterkiefer.
Unvermittelt.
Aus.

„Das war`s. Klar, dass er dort keine Anstellung bekam. Trotz Toptest und Topabitur“, wie mir C. versichert.
Der Prominenz ihres Ex wegen verzichtete der Geschäftsführer auf eine Anzeige.

Es folgen erneut Konsultationen bei Ärzten, Psychiatern, Psychologen.
S. verbringt erneut mehrere Monate in der psychiatrischen Klinik.
Ein Psychopharmaka wird ihm verordnet. Zyprexa [mir sagt das nichts, C. erläutert mir die Wirkungsweise].
S. verlässt die Klinik.
Ihm wird ein [gerichtlich bestellter] Betreuer an die Seite gestellt, der ihm hilft den Alltag zu bewältigen.
Alles klappt gut.
S. gelingt es, in einer anderen Firma in der EDV unterzukommen, wieder als Praktikant, mit Aussicht auf einen Ausbildungsplatz, wenn er sich in der Probezeit, ein halbes Jahr, gut macht.
C. hofft, dass nun alles gut verläuft.
Es folgen fünf Monate der Ruhe.

„Alles wird gut“, denkt sie sich. Erzählt sie mir.
Was sie nicht weiß, S. – zwischenzeitlich zweiundzwanzig – lernt neue Freunde kennen, aus einem anderen Kulturkreis. S. verliebt sich in die Schwester eines der neuen Freunde. Die Schwester will jedoch nichts von S. wissen.
S. stellt ihr nach, wird zum Stalker.
S. bittet ihren Bruder um Hilfe.
Der stellt S. Es kommt zum Streit und Rempeleien zwischen den beiden jungen Männern.
S. rastet aus, verprügelt den anderen, schlägt ihn krankenhausreif.
Was folgt: Eine Anzeige wegen Körperverletzung.
S. fällt nun nicht mehr unter das Jugendstrafrecht. Während beide Seiten auf die Verhandlung warten, stalkt S. weiter die Schwester des anderen.

C. schleppt ihn zum Familientherapeuten.
Der empfiehlt-wie andere, Jahre vor ihm – eine Verhaltenstherapie.
S. weigert sich.
Sein Jungmänner-Streit setzt sich via E-Mail und SMS fort. S. schickt schließlich eine SMS, in der er Morddrohungen ausstößt. Gegen den Bruder der Frau, in die er verliebt.

„Wahrscheinlich war das der Grund, weshalb der Richter, ein junger Schnösel, ein Karrierist, vor dem er nun landet, ihn zu einem Jahr und vier Monaten verdonnert. Ohne Bewährung“ wie C. berichtet.
Ich bin geschockt, da ich bei diesem Hintergrund wenigstens das Verhängen einer Bewährungsstrafe annahm.

„Mein Gott“, denke ich mir. Etwas zu erwidern, darauf eine Antwort, weiß ich nicht. Ich schweige.
C. fährt fort:
Ihr erster Gedanke sei gewesen: "Wenn er einfährt, bekomme ich einen drogensüchtigen Sohn zurück, der erst recht kriminalisiert."
Ihre Telefonate nach Auskunft bei Staatsanwalt, Richter, Betreuer, Rechtsanwalt, Familienpsychiater, sozialer Betreuungsdienst usw. verlaufen im Sande.

„Als Mutter erfährst Du nichts!“ meint sie bitter.
Immerhin erreicht sie gerade noch rechtzeitig, wenige Stunden vor Ablauf der Frist, dass der Sohn Berufung einlegt.
Ihre Hoffnung, dass die Strafe im Berufungsverfahren zur Bewährung ausgesetzt wird.

In der Berufung trifft der Sohn auf eine junge Richterin. Der Sohn schweigt.
Die Richterin hakt nach, lässt nicht locker, redet ihm ins Gewissen:
„Wenn Sie nichts sagen, führt dies dazu, dass der gesamte Sachverhalt, der gesamte Tatvorgang neu aufgerollt wird. Es beginnt alles wieder von vorn, wollen Sie das?“
Immerhin S. sagt, ja er habe alles, was ihm vorgeworfen, gemacht.
Die Richterin erleichtert, sie zieht sich zur Beratung mit dem Staatsanwalt zurück.
Kommt wieder. Fragt den S., ob er bereit wäre, eine Verhaltenstherapie zu machen. In einer geschlossenen Einrichtung.
S. schweigt. Richterin fragt nach. S. schweigt weiter. Die Richterin fragt nach, ob er sich nicht mit seinem Anwalt nochmals beraten wolle.
S. schweigt. Die Richterin wendet sich an den Anwalt. Der beginnt mit seinem Mandaten, dem S., zu flüstern.
S. ist schließlich bereit, mit dem Anwalt zu reden.
Die Richterin unterbricht die Verhandlung. S. und sein Anwalt gehen hinaus. Sie kommen wieder zurück. Die Richterin fragt erneut, ob S. zu einer Verhaltenstherapie in einer geschlossenen… bereit.
S. nickt, sagt laut „JA“.
Die Richterin zieht sich erneut mit dem Staatsanwalt zur Beratung zurück, der S. mit seinem Anwalt.
Die Verhandlung wird fortgesetzt.
Die Richterin verkündet das Berufungsurteil:
"Ein Jahr und vier Monate.
Ohne Bewährung.
Die Strafe ist nicht in einem Gefängnis, sondern in einer geschlossenen Anstalt abzuleisten. Eine Verhaltenstherapie wird dem Angeklagten zur Auflage gemacht."

C. erzählt all dies ohne große Emotionen.
Sie sagt, sie ist froh, dass er wenigstens nicht in ein normales Gefängnis kommt.
Sie blickt zur Uhr: Es ist vier Uhr.
Sie meint sie müsse nun gehen.
Zuhause warte ihr Sohn, gemeinsam wolle man sein Habundgut noch verstauen, überlegen, was einzulagern sei, seine Wohnung sei schon gekündigt.

„Am zehnten November fährt er ein“ meint sie „danach fliege ich für einige Zeit in die USA, zu meiner Schwester, ich brauche Abstand.“

„Jetzt haben wir nur über unsere Krankheiten geredet“, sagt sie einige Minuten später bei der Verabschiedung zu mir.
Ich sage nichts, nehme sie nur in den Arm, was soll man da auch sagen.
Mir fehlen die Worte.
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