Zwei Türen weiter...

...seit einigen tagen fehlt die kollegin, die mir im gebäude gegenüber sitzt...

ich kann sie morgens, wenn sie ins büro kommt, sehen, kenne viele ihrer gewohnheiten, ihre art, wie sie sich herum dreht, wenn jemand ihr zimmer betritt, weiß, wann sie ihren ersten gang zum kaffeeautomaten unternimmt, an dem wir uns manchmal vormittags treffen. sie wählt stets cafe crème und gibt noch einen schuss milch dazu, während ich lieber die cappuccinotaste drücke. sie trägt fast immer farbenfrohe hosenanzüge, im sommer in heiteren pastelltönen, im winter in dunklen, satten farben.

"vielleicht einen tick zu farbenfroh rum gelaufen", meinte heute morgen am kaffeeautomat eine andere kollegin, die mit ihr auf dem gleichen flur sitzt, jedoch nicht in einem zimmer zum atrium herein, sondern mit blick zur straße hinaus.

"wieso?", fragte ich etwas naiv zurück.
"ist geschasst worden."
"waaas?", beinahe wäre mir der heiße cappuccino aus der tasse geschwappt, so abrupt riss es mich herum.
"ja, hat sich jetzt krank gemeldet und ist bis ende des jahres frei gestellt", genüßlich gab die kollegin ihr flurfunkwissen zum besten.

mittlerweile hatten sich zwei weitere kolleginnen am automaten dazu gesellt.
"das glaub ich nicht", antwortete die eine, "die ist doch seit 20 jahren dabei"
"na und, das schützt auch nicht vor ner kündigung"
"da muss unser arbeitgeber aber eine fette abfindung zahlen."
"das wir daran merken, dass plötzlich wieder kein geld für jahresprämien da ist."

wie vom donner gerührt, wanke ich nach dieser hiobsbotschaft in mein büro zurück.
"die von gegenüber ist ungefähr in deinem alter", überlege ich laut, "höchstens vier, fünf jahre älter!"
fieberhaft überlege ich, wer auf meinem flur, auf dem etwa dreißig menschen in ihren acht bis zwölf quadratmeter großen schuhschachteln sitzen, zur "silver convention" gehört.
"silver convention", so bezeichne ich sie, diejenigen, die bei uns jenseits von "gut und böse", weil um oder über fünfzig sind. bei einigen bin ich mir nicht sicher, kann ihr alter schwer schätzen, denn wer gesteht schon büro-öffentlich, dass er sich am wochenende die haare braun oder schwarz nachfärbt oder erste graue strähnchen abtönt.
ganz sicher bin ich mir nur bei zwei kolleginnen!
ja, die sind anfang oder mitte fünfzig.
die eine ist unsere juristin, die andere zeichnet für die externe kommunikation verantwortlich.
es laufen in unserer "silver connection",
zu der noch eine handvoll älterer kollegen aus anderen abteilungen zählen, wetten, wer als nächster dran ist.
wer als nächster seinen hut nehmen wird.
der oder die richtig getippt hat, darf dann einen ausgeben, wenn es ihn erwischt.

alle von uns rechnen laufend damit,
dass er oder sie als nächstes dran ist.

warum?
eigentlich arbeiten bei uns nur noch unter oder um dreißigjährige.

die meisten mit mba, weil ohne mba eigentlich schon keiner mehr eingestellt wird.
nicht in einem international agierenden unternehmen.

kolleginnen, die zehn, fünfzehn oder zwanzig jahre im unternehmen oder in einer abteilung sind, lassen sich mittlerweile an einer hand abzählen.

jetzt ist wieder die zeit, in der die wetteinsätze höher werden;
denn seit jahren spielen unsere OBERBOSSE in den wochen vor weihnachten ein beliebtes spiel: mitarbeiter-weihnachts-roulette.
wer sich als erster verrennt, fliegt raus.
wer zu laut rollt oder zu unförmig kugelt,
kann auch damit rechnen, raus gekegelt zu werden.

"die kollegin von gegenüber ist die erste,
die es dieses jahr erwischt hat", sinniere ich laut vor mich hin.
vielleicht hat ihre kollegin von der straßenseite recht, wenn sie ätzt, die atrium-kollegin sei zu farbenfroh angezogen gewesen, also "zu laut gerollt!?"

dabei war ich bisher so naiv gewesen,
anzunehmen,
das mitarbeiter-weihnachts-roulette könne dieses jahr sogar ausfallen, jetzt da die zahlen so gut sind, wie schon jahre nicht mehr.

„wir haben dieses jahr unseren höchsten umsatz seit der wende", jubilierte im letzten meeting der BEREICHSBOSS.
e i n grund,
weshalb sich derzeit so viele kolleginnen
hoffnung auf eine kleine sondergratifikation machen.

darunter...

...auch jene atrium-kollegin von gegenüber...
1976 mal gelesen
Klar-a - 12. Nov, 21:53

nachdem ich mit 46 aus meinem Job bemobbt wurde (als 'alte' und zudem überqualifiezierte und alleinerziehende Person) bin ich heute ungemein froh, mein 'Schicksal' selbst in der Hand zu haben und den von Ihnen beschriebenen 'Zirkus' nicht mehr mitmachen zu müssen. Viel Arbeit und wenig 'Fremdbestimmung' und vor allem keine Show mehr....es leben die grauen Emminenzen..;-))))

Mitarbeiter (Gast) - 13. Nov, 21:43

Arbeitgeber-Mobbing nennt man das.
Mittlerweile scheuen nicht einmal Anwälte davor zurück, dies zu unterstützen. Hin und wieder berichten die Medien darüber.
Es geht soweit, dass solche Anwaltskanzleien Detektive in Firmen einschleusen, um Gründe für eine fristlose Kündigung von "unkündbaren" Arbeitnehmern, die bisher gut arbeiteten, zu konstruieren.
Ein anderer beliebter Arbeitgebertrick: "Unkündbare" Arbeitnehmer werden durch eine andere, mit dem Chef befreundete Firma, abgeworben. Es wird ein höheres Gehalt oder eine Führungsposition angeboten. Auf der neuen Stelle wird ihnen dann in der Probezeit gekündigt. So spart der alte Arbeitgeber gleich die Abfindung!
J.K. (Gast) - 12. Nov, 22:28

Ich wurde im Sommer mit 53 Jahren aus dem Job gedrängt! Mich traf es ebenfalls ohne Vorwarnung. Immerhin konnte ich eine Abfindung heraus handeln, da ich 24 Jahre im Unternehmen dabei war.
Die ganze "Fachkräftemangel"-Debatte ist in diesem Zusammenhang eine reine Ver-Ar.... aller älteren Beschäftigten.

Teresa HzW - 13. Nov, 14:33

Vielen Dank für Ihre Kommentare, liebe Klar-a und liebe/r J.K.

Maluceane, die Schreiberin dieser Büro-Geschichten, wird sich darüber sehr freuen, dessen bin ich mir sicher. Ob sie selbst kommentieren wird, weiß ich nicht, weil eigentlich nützt sie mein Blog nur, um ihren "Büro-Frust" abzuladen. Für mich stets interessante Blog-An- und Be-Reicherungen.

Ich hoffe, Sie nehmen auch mit meiner Antwort vorlieb!? Das "Hinausdrängen" oder "Wegmobben" der älteren, "grauen Emminenzen", um in Ihrer beider Worte zu sprechen, wird sich gewiss noch rächen!

Ich zweifle manchmal auch an der sog. Fachkräftemangel-Debatte, wenn ich mich umsehe und entdecke, wieviele gute und gesunde Fachleute heute mit Ende 50 oder Anfang 60 zuhause sitzen, weil sie in den letzten 5 Jahren bei "Re-Strukturierungen" ihrer Betriebe "abgefunden" und nach Hause in den Vor-Ruhestand geschickt wurden.

Hier offenbart sich die Kurzfristigkeit solcher von der Politik mit getragenen und vom Staat mit finanzierten Maßnahmen, die uns Steuerzahler und Selbst-Ständige, noch teuer zu stehen kommen werden.

Ganz zu schweigen von dem nach wie vor grassierenden Wahn in vielen Firmen, "passgenau" Mitarbeiter für eine bestimmte Arbeitstätigkeit einstellen zu wollen.

Ein unerschöpfliches Thema!

Herzlich
Teresa

Der Buecherblogger (Gast) - 15. Nov, 10:10

"Wer ist hier der BOSS?"

Das Mobbing entspringt einer sehr ungesunden Arbeitsweltatmosphäre, in der Konkurrenz, aber auch eine falsch verstandene Hierarchie, die Menschen krank macht. Auffällig ist an den Texten von Maluceane, die das "Schlechte im Ozean der Arbeitswelt" beschreibt die häufige Verwendung des groß geschriebenen Wortes BOSS in allen seinen vorkommenden Varianten. Da gibt es natürlich ganz oben den OBERBOSS. Aber da BOSSE ja auch immer delegieren müssen, gibt es noch andere vermeintliche UNTERBOSSE. Da haben wir den ABTEILUNGSBOSS (ABTBOSS), den SONDERBEAUFTRAGTEN BOSS, den UNTERABTEILUNGSBOSS, den BEREICHSBOSS und den PERSONALBOSS zum Beispiel. Können ja auch gelegentlich weiblich sein, also BOSSINNEN. Prinzip ist die HIERARCHIE, obwohl man doch heute soviel von TEAMWORK redet. Aber vielleicht ist das eben nur eine Verschleierung der bestehenden Verhältnisse, ein unmoralisches Angebot, das die eigentlichen Strukturen bestehen lässt. Also gerade eben habe ich einen Artikel in der Zeit Online gelesen, der sich zwar auf die Kirche bezog, von einem evangelischen Pfarrer, der mir aber zum Thema BOSS und HIERARCHIE sehr gut gefallen hat:

http://www.zeit.de/2010/46/Bischoefe

Wie schön wäre doch eine Welt ohne BOSSE und ohne MOBBING.

Teresa HzW - 15. Nov, 20:32

Ich bin verblüfft, welche Assoziationen Ihnen zu "Maluceane"`s Namen einfallen, lieber Bücherblogger.

Der Artikel aus der ZEIT ist so interessant, dass ich ihn mir ausgedruckt habe, da ich längeren Text lieber vom Papier als am Bildschirm lese.
Zja, Hierarchien haben ihre eigenen Regel-Werke. Allerdings hilft Teamwork auch nicht weiter, wenn der viel zitierte Spruch zutrifft:
T E A M heiße:

T oll,
E in
A nderer
M acht`s

In hierarchischen Strukturen Teamwork einzuführen, stelle ich mir schwierig vor.

Naja, schau`n`g ma mal, ob und wie die Kommentierungen "Maluceane" inspirieren!?

Herzlich
Teresa

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